Self-Tracking für jeden “Ich-sollte”-Arbeitnehmer

Der menschliche Verstand ist eine ziemliche Fehlkonstruktution. Wie sonst könnte man erklären, dass wir uns so vieles vornehmen und doch so wenig schaffen. Die vierte Fremdsprache, die fristgerechte Abgabe des Projektes und auch viele dieser Magazinbeiträge scheitern alle nur an einem: mangelnder Aufmerksamkeit.

Denn im Grunde genommen sind wir noch mehr Tier als wir so gerne glauben mögen. Lockt zeitnah weder Sex noch Essen ist die Erfüllung aller Pflichten recht uninteressant. Der vermeintlich interessante Teil – das sündhaft teure Kobe-Steak und die Geld-gierigen Anhängsel – kommen schließlich mit reichlichem Verzug. Eben erst wenn das überragende Sprachvermögen und die endlose Anzahl an Projekten uns nach Jahren harter Arbeit zu Geld und Ansehen geführt hat. Was für ein schlechter Antreiber für den Moment, in dem wir noch in unseren bröckeligen vier Wänden durch das vergilbte Lehrbuch blättern! Da schweifen unsere Gedanken doch lieber in die ausgeschmückte Traumwelt.

Weiter bringt uns das natürlich nicht. Das wird uns spätestens bewusst, wenn wir wieder einmal zehn Stunden über unserer Arbeit gesessen ohne was erreicht zu haben. Was bleibt ist Frust und das hinterhältige Gewissen, dass sich doch nichts daran ändern wird.

Da der Mensch aber eigentlich ein ehrgeiziges Wesen ist, hat er beschlossen, den inneren Schweinehund mit Technologie zu schlagen. Beim Sport funktioniert das bereits ganz gut: Zunehmend mehr Menschen lassen sich von ihrem Smartphone zum regelmäßigen Training motivieren. Self-Tracking ist der Erzfeind jedes Ich-sollte-Sportlers.

Melon Headband

Was aber ist mit Ich-sollte-Arbeitnehmern und -Studenten? Die gucken zurzeit noch recht dumm aus der Wäsche, weil die Denkarbeit doch sehr viel schwieriger zu messen ist als das morgendliche Training. Unmessbar ist sie aber nicht. Das wollen jetzt drei junge Entrepreneure aus den USA beweisen.

Arye Barnehama, Laura Michelle Berman und Janus Ternullo haben ein schmuckes Stirnband entwickelt, das die Potenziale des Stirnhirns misst – quasi ein Mini-EEG (Elektroenzephalogramm) für alle Arbeitslagen. Das Melon Headband besitzt drei Elektroden zur Messung der Hirnaktivität, einen NeuroSky Chip zum Filtern der Signale und Bluetooth, um die Daten auf das iPhone übertragen zu können. Dazu gibt’s die passende App, die Hirnaktivität in verständliche Bilder übersetzt.  Wie gut man sich beim Lernen oder Arbeiten konzentriert hat soll so direkt ersichtlich sein.

Natürlich können die Hirnsignale sehr variieren – je nachdem, wer gerade was erreichen möchte. Die App soll deswegen mit jedem Mal dazulernen: Jeder Nutzer kann nicht nur unterschiedlichen Aktivitäten taggen, sondern zusätzlich äußere Faktoren dazu notieren. So kann er beispielsweise feststellen, ob er sich nach einer Runde joggen wieder besser konzentrieren kann und ob ihm klassische Musik beim Lernen hilft.

Wie genau das Mini-EEG Konzentration allerdings messen kann, ist zurzeit noch schwer zu sagen. Nachdem der etwas sperrige Vorgänger “Axio” scheinbar nicht den gewünschten Erfolg erzielte, kommt Melon nun immerhin mit einem ansprechenden Design daher, das in der Techie-Szene wohl auch gesellschaftstauglich wäre.

Ob Melon aber auch Tracking-tauglich ist, muss es wohl erst noch unter Beweis stellen. Die Chancen für eine ausgedehnte Nutzer-Testphase stehen immerhin gut: Längst haben die Gründer ihr Finanzierungsziel bei Kickstarter erreicht.

Jetzt müssen die ganzen Vorbestellungen erst einmal gebaut und vermarktet werden. So können die Gründer selbst nur hoffen, dass ihre Erfindung ihnen bei der Arbeit hilft. Denn Prokrastinieren, das können sie sich nun wirklich nicht mehr leisten.

 Fotos: Melon

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